Leseproben

BuchderKatastrophen

Die Taufe

 

Inhalt23A 001Blonde Frauen bekommen furchtbar leicht Kinder.

Blonde Frauen sind ganz besonders veranlagt, gute
Mütter und Juwelen von Hausfrauen zu werden.

Mein Freund Theobald Seheim musste einen sol-
chen Typ deutscher Fruchtbarkeit heiraten.

 

Zeichnung von big (Werner Stindt)

Es ging nicht mehr anders: das Mädchen gehörte der
Gesellschaft an, und der Bruder war Reserveleutnant.
Theobald hatte auch seinen Roman in der Gesell-
schaft haben wollen; er war dabei hereingefallen.

Wenn irgend etwas Aussergewöhnliches an ihn
herantrat, verlor Theobald stets völlig den Kopf. Ich
war einmal sehr befreundet mit ihm und hatte ihm
während der kritischen Zeit getreulich zur Seite ge-
standen; ausserdem war ich ihm noch dreihundert-
zwanzig Mark schuldig.

Nach seiner Verheiratung sahen wir uns selten, er
hielt sich unseren Kreisen fern. Zweimal war ich bei
ihm zu Tisch, das letztemal vor etwa zwei Monaten.
Die blonde Frau ging mit ihrem aufdringlichen
Embonpoint auf die Nerven. Sie verliess das Zimmer
nicht einen Augenblick. Theobald hatte sich in den
sechs Monaten seiner Ehe verblüffend verändert. Er
war äusserst moralisch geworden und begann, je mehr
ich seinen wirklich nicht schlechten Mosel zusprach,
mir mein ungeregeltes, verwerfliches, drohnenhaftes
Junggesellendasein im Gegensatz zu seiner nützlichen,
staatserhaltenden Häuslichkeit vorzuhalten. Einteilen
müsse man sich sein Leben, dozierte er, alles zur Zeit
und vor allem alles mit Maß. Um die Liebe sei es et-
was Heiliges, erklärte er gemessen. Gerade sittlicher
Ernst fehle heutzutage den jungen Leuten. Frau Se-
heim hängte sich polypenhaft an ihren Gemahl und
drückte ihm ihre Lippen ins Gesicht. – Ich steckte mir
beschämt eine neu Importe an und hauchte tief auf-
seufzend: „Ja, ja!“ – Als er dann auf die materiellen
Vorzüge einer Ehe hinwies, in höchster Entrüstung
von dem In-den-Tag-Leben der meisten Junggesellen,
dem sinnlosen Geldverprassen und der notwendigen
Folge eines solchen verwerflichen Lebens, dem unsin-
nigen Schuldenmachen sprach, wurde es mir nun doch
ungemütlich; ich verabschiedete mich, zumal Theo-
bald keine Anstalten macfhte, eine neue Flasche anzu-
brechen, mit einer gewissen Kühle und mied von die-
sem Tage ab die Seheimsche Häuslichkeit. –
Ich hatte während der letzten Tage schauderhaft
gesumpft, zwei Tage und zwei Nächte meine engsten
Lackstiefel nicht von den Füßen gehabt. Die vergan-
gene Nacht hatte sich bis heute mittag ausgedehnt.
Nun saß ich als absolute Leiche auf meiner Bude und
pflückte mir ächzend und stöhnend meine Gewan-
dung vom Leibe.

Schlafen, schlafen, schlafen war mein einziger
Wunsch. Es war Dienstag. Ich hatte meiner Wirtin
strengste Order gegeben, mich vor Freitag nachmit-
tag nicht zu wecken.

Behaglich dehnte ich mich in den Federn und
streckte grunzend das zerschlagene Gebein. Ich
schloss die Augen und sank sanft dem Nirwana in dienstagArme.

Trrring ….. trrriing …….. trrrrrrrrrrriiiiing …
Ich warf mich stöhnend auf die andere Seite.

…………